Nach den ungewöhnlich dichten Tagen Ende August wird es ruhiger. Die partielle Mondfinsternis liegt hinter uns, die stärkere Sonnenaktivität ist abgeklungen und auch das Erdmagnetfeld zeigt am Morgen des 2. September ein ausgesprochen ruhiges Bild. Doch gerade jetzt lohnt sich der Blick auf die einzelnen Messsysteme: Denn „ruhig“ bedeutet keineswegs, dass überall gleichzeitig nichts geschieht. […]
Nach den ungewöhnlich dichten Tagen Ende August wird es ruhiger. Die partielle Mondfinsternis liegt hinter uns, die stärkere Sonnenaktivität ist abgeklungen und auch das Erdmagnetfeld zeigt am Morgen des 2. September ein ausgesprochen ruhiges Bild. Doch gerade jetzt lohnt sich der Blick auf die einzelnen Messsysteme: Denn „ruhig“ bedeutet keineswegs, dass überall gleichzeitig nichts geschieht.
Im Gegenteil. Die aktuellen Daten liefern uns einen interessanten Vergleichstag – und erstmals können wir überprüfen, ob unsere letzte Vorschau tatsächlich in die richtige Richtung gezeigt hat.
Kosmisches Wetter: Was aus unserer letzten Vorschau geworden ist
Am 31. August hatten wir nach den turbulenteren Tagen rund um den 28. August vermutet, dass die große Welle zunächst durch sein könnte. Sonnenaktivität und geomagnetische Unruhe sollten eher abklingen, während kleinere Ausschläge bei Schumann-Messungen und die normale seismische Aktivität weiterlaufen könnten.
Genau dieses Bild zeichnet sich zwei Tage später tatsächlich ab.
Die offizielle NOAA-Dreitageprognose vom 2. September erwartet für den gesamten Zeitraum bis einschließlich 4. September keinen geomagnetischen Sturm der Kategorie G1 oder stärker. Der höchste prognostizierte 3-Stunden-Kp liegt lediglich bei 2. Auch größere Störungen durch einen neuen Sonnenwindstrom oder einen CME werden momentan nicht erwartet.
Das ist ein ziemlich deutlicher Kontrast zu Ende August.
Damals hatten wir Sonnenausbrüche, CMEs, eine zeitweise deutlich erhöhte geomagnetische Erwartung und gleichzeitig die partielle Mondfinsternis beobachtet. Jetzt befinden wir uns offenbar auf der Rückseite dieser Entwicklung.
Oder, wie ich es am 31. August formuliert hatte: Der August endete nicht mit einem weiteren Knall, sondern mit einem Echo.
Heute scheint selbst dieses Echo leiser zu werden.
Die Sonne hat einen Gang zurückgeschaltet
Auch auf der Sonne hat sich das Bild verändert.
Aktuell befinden sich unter anderem die Regionen 4520, 4521, 4522 und 4523 auf der sichtbaren Sonnenscheibe. Die magnetischen Klassifikationen sind derzeit vergleichsweise einfach: Alpha- und Beta-Strukturen dominieren.
Die vergangenen 24 Stunden waren entsprechend ruhig. Das SIDC meldete mehrere kleinere C-Flares; der stärkste erreichte lediglich C2.6 und ging von Region 4520 aus.
Noch wichtiger für unsere nächsten Tage: Die aktuelle NOAA-Prognose sieht bis zum 4. September lediglich eine 10-prozentige Wahrscheinlichkeit für R1–R2-Ereignisse, also für M-Klasse-Flares, und nur ein Prozent für R3 oder stärker. Ein Sonnenstrahlungssturm der Kategorie S1 oder höher wird ebenfalls nur mit einem Prozent angesetzt.
Auch neue erdgerichtete CMEs waren in den zuletzt ausgewerteten Koronographenbildern nicht zu erkennen.
Damit fehlt momentan genau das, was uns Ende August beschäftigt hatte: eine größere neue Störung, die bereits auf dem Weg zur Erde wäre.
Das kann sich auf der Sonne natürlich ändern. Sonnenwetter bleibt Wetter – eine neu auftauchende oder sich magnetisch verkomplizierende Region kann eine Prognose innerhalb relativ kurzer Zeit verändern.
Aber nach dem, was wir jetzt wissen, sieht die Ausgangslage ausgesprochen ruhig aus.
Kp 1 – die Magnetosphäre ist tatsächlich ruhig
Das bestätigt auch unser eigener aktueller Blick auf die Erde.
Auf der von mir beobachteten Darstellung steht der geomagnetische Index heute Morgen bei gerade einmal Kp 1,0. Der Sturmstatus lautet entsprechend: RUHIG.
Das passt sehr gut zu den offiziellen Daten.
Der höchste beobachtete 3-Stunden-Kp der vergangenen 24 Stunden lag laut NOAA bei 3 und damit noch unterhalb einer geomagnetischen Sturmstufe. Für den 2., 3. und 4. September werden sogar nur Werte bis maximal Kp 2 prognostiziert.
Das ist für unsere Beobachtungsreihe fast genauso wertvoll wie ein Sturm.
Denn wenn wir Zusammenhänge suchen möchten, brauchen wir nicht nur die spektakulären Tage. Wir brauchen auch Kontrolltage.
Tage, an denen die Magnetosphäre ruhig ist.
Was passiert dann mit den Schumann-Messungen? Was geschieht seismisch? Und was nehmen Menschen an sich selbst wahr?
Erst durch solche Gegensätze lassen sich langfristig überhaupt Muster erkennen.
Schumann-Resonanz: Heute wird der Stationsvergleich interessant
Und tatsächlich sieht die Schumann-Darstellung nicht einfach genauso ruhig aus wie der Kp-Index.
Der aktuelle Monitor zeigt eine Amplitude von 6,3. Im Tomsk-Spektrogramm sind in den vergangenen Tagen deutlich hellere Aktivitätsbereiche zu erkennen. Am aktuellen rechten Rand wird das Bild allerdings wesentlich ruhiger.
Cumiana zeigt wiederum ein anderes Muster. Das 24-Stunden-Spektrogramm wirkt insgesamt vergleichsweise dunkel, während in der Detaildarstellung einzelne stärkere Signale und Ausschläge sichtbar bleiben.
Das ist eine wichtige Erinnerung daran, was wir hier eigentlich betrachten.
Schumann-Resonanzen sind elektromagnetische Resonanzen im Hohlraum zwischen Erdoberfläche und Ionosphäre. Ihre Grundmode liegt ungefähr bei 7,8 Hertz, weitere Resonanzbänder liegen darüber. Die Farben eines Spektrogramms zeigen dabei Signalstärke beziehungsweise Leistung – nicht einfach eine „steigende Frequenz der Erde“.
Und noch etwas ist entscheidend:
Tomsk ist nicht die Erde. Cumiana ist nicht die Erde.
Eine einzelne Station kann von regionalen atmosphärischen Bedingungen, Gewitteraktivität, technischen Störungen und der jeweiligen Messumgebung beeinflusst werden.
Deshalb finde ich gerade die Unterschiede momentan spannender als irgendeinen einzelnen hohen Zahlenwert.
Wenn mehrere weit voneinander entfernte Stationen ungefähr gleichzeitig ähnliche Veränderungen zeigen, wird die Beobachtung interessanter. Wenn nur eine Station ausschlägt, sollten wir vorsichtiger sein.
Heute erzählen Tomsk, Cumiana und der geomagnetische Kp jedenfalls nicht dieselbe Geschichte.
Und das sollten wir festhalten.
Auch der Mond zieht sich langsam zurück
Parallel verändert sich noch ein weiterer Faktor unserer vergangenen Beobachtungen.
Der Vollmond und die partielle Mondfinsternis vom 28. August liegen inzwischen mehrere Tage zurück. Am 2. September ist der Mond nur noch etwa 73,9 Prozent beleuchtet und befindet sich deutlich in seiner abnehmenden Phase.
Auch hier lässt der astronomische Höhepunkt also nach.
Das bedeutet nicht, dass Mondphase, Erdbeben oder geomagnetische Aktivität automatisch miteinander verbunden wären. Gerade für unsere Dokumentation ist dieser Abstand aber interessant: Wenn in den kommenden Tagen etwas deutlich ausschlägt, findet es eben nicht mehr unmittelbar am Vollmond beziehungsweise an der Finsternis statt.
Das hilft uns, vermeintliche Muster auch kritisch zu überprüfen.
Die Erde bleibt in Bewegung – aber das allein ist noch keine Anomalie
Seismisch bleibt vor allem der pazifische Raum interessant.
In den vergangenen Tagen tauchten in unseren Übersichten wiederholt Regionen von Indonesien und den Philippinen über Japan bis zu den Kermadec-Inseln auf. Das ist geologisch zunächst nicht überraschend: Wir bewegen uns dort entlang hochaktiver Plattengrenzen des pazifischen Feuerrings.
Gerade deshalb möchte ich hier einen Fehler vermeiden, der bei täglichen Erdbebenlisten schnell entstehen kann.
Wenn wir jeden Tag ein M5 oder M6 sehen, fühlt sich das dramatisch an. Global betrachtet sind Erdbeben dieser Größenordnung jedoch keine außergewöhnliche Seltenheit.
Unsere eigentliche Frage sollte deshalb nicht lauten:
„Gab es heute irgendwo ein starkes Erdbeben?“
Sondern:
„Verändert sich Häufigkeit, Stärke oder räumliche Konzentration über mehrere Tage auffällig?“
Das ist ein wesentlich härterer Prüfstein.
Für unsere nächsten Beobachtungen behalte ich deshalb insbesondere Indonesien, Philippinen, Japan/Kamtschatka und den Bereich bis zu den Kermadec-Inseln im Auge.
Und was ist mit unserem eigenen Befinden?
Auch hier wird der aktuelle ruhige Tag interessant.
In den vergangenen Wochen haben wir immer wieder darüber gesprochen, dass manche Menschen an bestimmten Tagen Müdigkeit, innere Unruhe, veränderten Schlaf, Druckgefühle, Konzentrationsschwankungen oder dieses eigentümliche Gefühl beschreiben, gleichzeitig erschöpft und „elektrisch“ zu sein.
Direkte Zusammenhänge zwischen kosmischen beziehungsweise geomagnetischen Veränderungen und dem Befinden halte ich grundsätzlich für möglich und beobachtenswert.
Aber gerade deshalb dürfen wir Tage wie heute nicht ignorieren.
Wenn Kp bei 1 liegt und jemand trotzdem schlecht schläft, Kopfdruck oder starke innere Unruhe wahrnimmt, ist auch das eine Information. Vielleicht läuft eine andere Variable parallel: Wetter, Luftdruck, Gewitter, Temperatur, Stress, Hormone, Schlafmangel oder etwas völlig anderes.
Das Ziel sollte deshalb weder sein, jede Wahrnehmung dem Kosmischen Wetter zuzuschreiben, noch sie pauschal davon zu trennen.
Wir beobachten, vergleichen und dokumentieren.
Eine zeitliche Übereinstimmung kann ein Hinweis sein, dem man nachgehen kann. Sie ist kein automatischer Beweis – aber auch kein Grund, die eigene Wahrnehmung abzuwerten.
Kosmisches Wetter – meine Vorschau für den 2. bis 4. September
Und damit kommen wir zu unserer nächsten kleinen Wette auf die Zukunft.
Dieses Mal traue ich mich sogar etwas deutlicher:
Ich erwarte in den kommenden zwei bis drei Tagen keinen neuen großen geomagnetischen Höhepunkt.
Die NOAA-Prognose unterstützt dieses Szenario ziemlich klar. Für den Zeitraum vom 2. bis 4. September liegt der höchste erwartete 3-Stunden-Kp lediglich bei 2. Weder ein G1-Sturm noch ein stärkeres Ereignis wird erwartet. Signifikante neue Sonnenwindstrukturen sind derzeit ebenfalls nicht angekündigt.
Auch auf der Sonne spricht momentan mehr für kleinere C-Flares als für eine neue große Eruption. M-Flares bleiben möglich, sind mit aktuell zehn Prozent Wahrscheinlichkeit pro Tag aber eher das Überraschungsszenario.
Meine Erwartung lautet deshalb:
Der 2. und 3. September dürften eher ruhig bleiben. Bis zum 4. September könnte es kleinere Schwankungen geben, aber momentan sehe ich keinen belastbaren Hinweis auf eine Wiederholung der deutlich dynamischeren Phase Ende August.
Bei der Schumann-Resonanz wage ich dagegen bewusst keine konkrete Zahl. Hier möchte ich beobachten, ob Tomsk und Cumiana in den nächsten Tagen irgendwann gleichzeitig deutlicher reagieren. Das wäre für unseren Vergleich wesentlich interessanter als ein einzelner spektakulärer Ausschlag.
Und seismisch erwarte ich weiterhin normale globale Schwankungen mit einzelnen stärkeren Ereignissen – wahrscheinlich erneut mit Schwerpunkt entlang der bekannten aktiven Plattengrenzen des Pazifiks. Eine konkrete Magnitude oder ein bestimmtes großes Erdbeben vorherzusagen, geben die derzeitigen Daten nicht her.
Wo könnte unsere Prognose scheitern?
Genau diese Frage möchte ich künftig regelmäßig mit aufnehmen.
Die größte Wildcard bleibt die Sonne selbst.
Sollte eine aktive Region plötzlich komplexer werden und einen stärkeren M- oder sogar X-Flare mit erdgerichtetem CME produzieren, wäre unsere ruhige Vorschau innerhalb kurzer Zeit überholt.
Und das wäre kein Problem.
Im Gegenteil.
Dann hätten wir genau das, was diese Serie interessant macht: eine Prognose, die vorher dokumentiert wurde und anschließend überprüft werden kann.
Denn rückblickend lässt sich fast immer irgendein passendes Muster finden. Viel spannender ist die Frage, ob wir es erkennen können, bevor wir wissen, was passiert.
Fazit: Der September beginnt mit einem kosmischen Nullpunkt
Der 2. September wirkt momentan wie ein Gegenstück zu den Tagen rund um die Mondfinsternis.
Die Sonne ist vergleichsweise ruhig. Neue erdgerichtete CMEs fehlen bislang. Der aktuelle geomagnetische Wert auf unserem Monitor liegt bei Kp 1. NOAA erwartet bis zum 4. September keinen geomagnetischen Sturm. Gleichzeitig zeigen die Schumann-Stationen weiterhin ihre eigenen, teilweise voneinander abweichenden Strukturen.
Der Mond nimmt ab.
Die große Welle Ende August scheint ausgelaufen zu sein.
Und vielleicht ist genau das die wichtigste Beobachtung dieses Tages.
Denn ein ruhiger Ausgangswert gibt uns etwas, das wir für die nächsten Wochen dringend brauchen: einen Nullpunkt.
Von hier aus können wir sehen, was als Nächstes tatsächlich aus der Reihe fällt.
Meine Prognose steht also: Bis zum 4. September eher Nachschwingen als neue große Welle.
Dann schauen wir wieder auf Sonne, Magnetfeld, Schumann-Messungen und Erdbeben – und prüfen ganz nüchtern:
Hat die Ruhe gehalten? Oder hat uns das Kosmische Wetter wieder überrascht?
Aktuelle Daten und Prognosen lassen sich bei SpaceWeatherLive – 3-Tage-Vorhersage und in den aktuellen SIDC-Daten zur Sonnenaktivität nachvollziehen.
