Das Kosmische Wetter am 4. September 2026 beginnt mit einem merkwürdigen Kontrast. Auf der Erde herrscht im geomagnetischen Sinne beinahe Bilderbuchruhe. Unser aktueller Monitor zeigt Kp 1,0, der Sturmstatus lautet weiterhin „RUHIG“ und auch die Schumann-Amplitude liegt mit 5,7 weit entfernt von den auffälligen Ausschlägen, die wir Ende August beobachten konnten. Gleichzeitig zeigt ein Blick […]
Das Kosmische Wetter am 4. September 2026 beginnt mit einem merkwürdigen Kontrast. Auf der Erde herrscht im geomagnetischen Sinne beinahe Bilderbuchruhe. Unser aktueller Monitor zeigt Kp 1,0, der Sturmstatus lautet weiterhin „RUHIG“ und auch die Schumann-Amplitude liegt mit 5,7 weit entfernt von den auffälligen Ausschlägen, die wir Ende August beobachten konnten.
Gleichzeitig zeigt ein Blick zur Sonne: Dort bereitet sich bereits die nächste Veränderung vor.
Ein großes koronales Loch ist inzwischen weit auf die erdzugewandte Sonnenseite rotiert. Es trägt sogar eine Bezeichnung: SIDC Coronal Hole 179, kurz CH179. Und während wir noch mitten in einer ruhigen geomagnetischen Phase stecken, könnte der schnelle Sonnenwind aus genau diesem Gebiet in den kommenden Tagen bei der Erde eintreffen.
Die Frage für dieses Wochenende lautet deshalb: Ist die Ruhe Anfang September tatsächlich stabil – oder sehen wir gerade die letzten ruhigen Stunden vor der nächsten kleineren Welle?
Kosmisches Wetter: Was aus unserer Prognose vom 2. September geworden ist
Im letzten Artikel hatten wir uns ungewöhnlich weit aus dem Fenster gelehnt.
Nach der turbulenteren Phase Ende August mit stärkerer Sonnenaktivität, CMEs und der partiellen Mondfinsternis hatten wir für den 2. bis 4. September keine neue große geomagnetische Welle erwartet. Stattdessen lautete die Prognose: Nachschwingen, kleinere Ausschläge und insgesamt eine deutlich ruhigere Magnetosphäre.
Zwei Tage später können wir Bilanz ziehen.
Diese Prognose hat bislang ziemlich gut gehalten.
Der aktuelle Kp-Wert liegt auf unserem Monitor bei gerade einmal 1,0. Auch das SIDC prognostizierte für den 3., 4. und 5. September jeweils einen niedrigen Ap-Wert von 7 und geomagnetisch ruhige Verhältnisse. Der Sonnenwind bewegte sich zuletzt überwiegend zwischen etwa 350 und 410 km/s.
Interessant ist daran nicht nur, dass es ruhig geblieben ist.
Interessant ist, dass wir diese Ruhe vorher erwartet hatten.
Genau daraus soll diese Beobachtungsreihe bestehen: nicht erst hinterher passende Zusammenhänge suchen, sondern vorher festhalten, was die Daten nahelegen – und einige Tage später überprüfen, was tatsächlich passiert ist.
Und jetzt verändert sich die Ausgangslage.
Das große koronale Loch CH179 dreht zur Erde
Auf dem aktuellen Sonnenbild fällt es sofort auf: ein großes dunkles Gebiet, inzwischen ziemlich zentral auf der Sonnenscheibe.
Dabei handelt es sich nicht um ein „Loch“ in der Oberfläche. Koronale Löcher sind Regionen der Sonnenkorona, in denen die Magnetfeldstruktur dem Sonnenwind einen vergleichsweise freien Weg nach außen ermöglicht. Dort kann deshalb schneller Sonnenwind entstehen.
Das aktuelle Gebiet wird vom SIDC als CH179 geführt. Es handelt sich um ein äquatoriales koronales Loch positiver magnetischer Polarität. Besonders interessant ist seine Position: CH179 hat inzwischen den zentralen Bereich der sichtbaren Sonnenscheibe erreicht. Das SIDC erwartet deshalb ausdrücklich, dass sein High-Speed-Stream die Sonnenwindbedingungen in Erdnähe innerhalb der kommenden Tage beeinflussen könnte.
Das bedeutet allerdings nicht, dass uns automatisch ein gefährlicher Sonnensturm bevorsteht.
Ein schneller Sonnenwindstrom kann die Magnetosphäre stören, muss es aber nicht besonders stark tun. Entscheidend wird sein, mit welcher Geschwindigkeit, Dichte und Magnetfeldorientierung er die Erde erreicht. Insbesondere ein länger südlich gerichtetes interplanetares Magnetfeld – der bekannte Bz-Wert – erleichtert die Kopplung mit dem Erdmagnetfeld.
Deshalb würde ich jetzt nicht schreiben: „Ein Sonnensturm kommt.“
Ich würde schreiben:
Wir sehen einen plausiblen Kandidaten für die nächste Veränderung – und können ihm beim Herankommen zusehen.
AR4524: Die zweite Wildcard auf der Sonne
CH179 ist außerdem nicht das Einzige, was wir beobachten sollten.
Die aktive Sonnenregion AR4524 hat am 2. September einen M3.0-Flare produziert. Die Eruption war von Type-II- und Type-IV-Radioemissionen begleitet und erzeugte einen Halo-CME mit einer geschätzten Geschwindigkeit von etwa 740 km/s.
Das klingt zunächst wesentlich dramatischer als das koronale Loch.
Für die Erde gibt es aber eine wichtige Entwarnung: Der Ausbruch ereignete sich nahe dem östlichen Sonnenrand. Trotz seines Halo-Erscheinungsbildes wird deshalb kein bedeutender erdgerichteter Anteil dieses CME erwartet.
Das ist ein schönes Beispiel dafür, warum spektakuläre Bilder der Sonne nicht automatisch eine spektakuläre Wirkung auf der Erde bedeuten.
Gleichzeitig sollten wir AR4524 nicht aus den Augen verlieren.
Die Region rotiert mit der Sonne weiter über die sichtbare Scheibe. Damit verändert sich auch die Geometrie möglicher zukünftiger Ausbrüche. Ein CME aus einer ungünstigen Position kann weit an uns vorbeiziehen; einige Tage später kann ein neuer Ausbruch derselben Region für die Erde wesentlich interessanter werden.
Das macht AR4524 neben CH179 zu unserer zweiten Wildcard für das Wochenende.
Auf der erdabgewandten Seite scheint ebenfalls einiges los zu sein
Auch die Koronographenbilder wirken momentan ausgesprochen dynamisch. Dort sind großräumige Strukturen um die abgedeckte Sonne zu erkennen.
Hier ist allerdings Vorsicht nötig.
Aus einem einzelnen Koronographenbild können wir nicht zuverlässig schließen, dass ein sichtbarer Auswurf auf der erdabgewandten Seite entstanden ist oder wohin er tatsächlich fliegt. Dafür müssen Bildsequenzen, Herkunftsregion und gegebenenfalls weitere Raumsondendaten zusammen betrachtet werden.
Gerade der CME vom 2. September zeigt das Problem perfekt: Optisch ein Halo-CME – und trotzdem aufgrund seiner Ursprungsposition voraussichtlich kein bedeutender Treffer für die Erde.
Für unser Kosmisches Wetter gilt deshalb weiterhin: Nicht das dramatischste Bild entscheidet, sondern die Geometrie.
Schumann-Resonanz: Das große Aufleuchten ist verschwunden
Auch bei den Schumann-Daten können wir inzwischen eine kleine Entwicklungsgeschichte erzählen.
Ende August zeigten die Tomsk-Darstellungen zeitweise große grün-gelbe bis sehr helle Aktivitätsfelder. Danach begann das Bild zunehmend abzuklingen.
Am 4. September zeigt unser Monitor eine Amplitude von 5,7.
Auch im aktuellen Tomsk-Spektrogramm ist der Unterschied gut sichtbar. Die kräftigeren Aktivitätsblöcke liegen inzwischen in der Vergangenheit. Rechts, also im jüngeren Abschnitt der Darstellung, dominieren wieder Blau- und Türkistöne mit einzelnen vertikalen Impulsen.
Cumiana bleibt dagegen eigenwillig.
Dort erkennen wir weiterhin schmale, teilweise sehr markante vertikale Signalspitzen. Sie treten aber nicht gleichzeitig als vergleichbar große Breitbandereignisse in Tomsk auf.
Und genau daraus entsteht inzwischen ein bemerkenswertes Muster:
Kp bleibt niedrig. Tomsk beruhigt sich. Cumiana zeigt trotzdem einzelne Peaks.
Das ist für unsere Beobachtung ausgesprochen wertvoll, weil es gegen eine zu einfache Gleichung spricht, nach der jede auffällige Schumann-Darstellung unmittelbar mit geomagnetischer Aktivität gleichgesetzt werden könnte.
Die verschiedenen Messsysteme laufen momentan gerade nicht synchron.
Dann kam das M6,3 bei Alaska
Bei unserer letzten Vorschau hatten wir außerdem einen anderen Bereich ausdrücklich weiter beobachten wollen: den Pazifik.
Und hier wurde es inzwischen tatsächlich interessanter.
Am 3. September um 11:17 UTC registrierte der USGS ein Erdbeben der Magnitude 6,3, rund 84 Kilometer südsüdwestlich von Nikolski in Alaska. Die Tiefe lag bei ungefähr 35 Kilometern. Der PAGER-Status blieb Grün; die modellierte maximale Schüttelintensität lag bei IV, also leicht.
In deiner aktuellen 24-Stunden-Übersicht taucht außerdem ein M5,2 südlich von Cilacap auf Java in Indonesien auf. Zuvor hatten wir bereits Ereignisse bei den Kermadec-Inseln, Indonesien, den Philippinen und Japan verfolgt.
Damit bleibt unser geografischer Beobachtungsschwerpunkt rund um den Pazifik bestehen.
Allerdings sollten wir daraus noch keine außergewöhnliche Erdbebenserie konstruieren. Die dortigen Plattengrenzen gehören ohnehin zu den seismisch aktivsten Regionen unseres Planeten. Ein M6,3 in Alaska ist bemerkenswert, aber nicht automatisch ungewöhnlich im globalen Maßstab.
Interessanter ist etwas anderes:
Wir hatten gleichzeitig Kp 1.
Das stärkere Erdbeben trat also gerade während einer ausgesprochen ruhigen geomagnetischen Phase auf.
Auch das gehört in unser Tagebuch.
Wenn wir mögliche Zusammenhänge untersuchen wollen, müssen wir schließlich genauso ernst nehmen, wenn die Parameter nicht gemeinsam ausschlagen.
Der Mond steht inzwischen auf Halbzeit
Auch der Mond hat sich inzwischen deutlich von unserem Ausgangspunkt Ende August entfernt.
Am 4. September liegt seine Beleuchtung nur noch bei ungefähr 51 Prozent. Die Vollmond- und Finsternisphase vom 28. August ist damit klar vorbei; wir bewegen uns in Richtung des letzten Viertels.
Das macht die nächsten Tage wiederum zu einem interessanten Vergleichsfenster.
Sollten Sonne, Magnetosphäre oder Seismik jetzt deutlicher reagieren, geschieht das nicht mehr unmittelbar rund um die Vollmondfinsternis. Damit bekommen wir einen weiteren zeitlichen Abstand zu dem besonderen Fenster Ende August.
Wie könnte sich die aktuelle Phase anfühlen?
Auch subjektiv dürfte diese Phase anders sein als Ende August.
Wer sein eigenes Befinden zusammen mit den Messwerten dokumentiert, könnte jetzt besonders darauf achten, ob die vergangenen Tage tatsächlich ruhiger wirkten: Schlaf, innere Unruhe, Konzentration, Müdigkeit, Kopfdruck oder dieses schwer zu beschreibende Gefühl, gleichzeitig erschöpft und aufgedreht zu sein.
Direkte Zusammenhänge zwischen geomagnetischen beziehungsweise kosmischen Veränderungen und unserem Befinden halte ich weiterhin für möglich und beobachtenswert.
Aber ausgerechnet die vergangenen Tage liefern uns dafür einen guten Gegencheck: Kp blieb niedrig.
Wer sich trotzdem außergewöhnlich unruhig oder erschöpft fühlte, sollte deshalb auch Wetter, Luftdruck, Schlaf, Stress, Flüssigkeitshaushalt, Hormone und andere persönliche Faktoren mitdenken.
Nicht entweder – oder.
Wir sammeln Beobachtungen.
Kosmisches Wetter: Meine Vorschau für den 4. bis 7. September 2026
Und jetzt wird es spannend, denn unsere alte Prognose läuft aus und eine neue beginnt.
Für die kommenden zwei bis drei Tage würde ich diesmal nicht einfach „weiterhin ruhig“ prognostizieren.
Meine wahrscheinlichste Erwartung lautet:
Die sehr ruhige Phase könnte allmählich unruhiger werden – allerdings zunächst eher durch schnellen Sonnenwind als durch einen großen CME.
Der Kandidat dafür ist CH179.
Das SIDC erwartet ausdrücklich, dass der High-Speed-Stream des inzwischen zentral stehenden koronalen Lochs die Sonnenwindbedingungen in Erdnähe innerhalb der nächsten Tage beeinflussen könnte. Gleichzeitig lautet die aktuelle geomagnetische Grundprognose noch „quiet“.
Das ist eine interessante Ausgangssituation.
Wir haben also noch Kp 1, während die mögliche Ursache der nächsten Veränderung bereits auf der Sonne sichtbar ist.
Meine erste Erwartung wäre deshalb: Die Sonnenwindgeschwindigkeit steigt zunächst. Danach könnte Kp etwas nachziehen. Ob daraus lediglich Kp 3 oder 4 oder tatsächlich eine G1-Phase wird, lässt sich jetzt noch nicht seriös vorhersagen. Dafür müssen wir sehen, wie das Magnetfeld des eintreffenden Sonnenwindstroms orientiert ist.
Die zweite Möglichkeit kommt von AR4524.
Weitere C-Flares sind wahrscheinlich; stärkere Aktivität bleibt möglich. Sollte AR4524 in den kommenden Tagen einen neuen stärkeren M-Flare oder sogar X-Flare mit CME produzieren, wird dessen Position zunehmend wichtiger. Der CME vom 2. September dürfte weitgehend vorbeigehen – ein zukünftiger Ausbruch muss das nicht zwangsläufig tun. Das SIDC erwartet derzeit vor allem C-Klasse-Aktivität.
Bei der Schumann-Resonanz würde ich erneut keine Zahl vorhersagen. Unser Prüfstein bleibt viel interessanter:
Reagieren Tomsk und Cumiana gleichzeitig, wenn der schnelle Sonnenwind von CH179 eintrifft?
Falls ja, hätten wir einen konkreten Zeitpunkt, den wir anschließend genauer untersuchen können.
Falls nein, ist auch das ein Ergebnis.
Und seismisch bleibt der Pazifikraum auf unserer Beobachtungsliste. Nach dem M6,3 bei Alaska möchte ich besonders sehen, ob in den kommenden zwei bis drei Tagen weitere M6+-Ereignisse in diesem Gürtel auftreten oder ob das Ereignis isoliert bleibt. Daraus folgt ausdrücklich keine Erdbebenvorhersage.
Fazit: Diesmal können wir die Welle kommen sehen – falls sie überhaupt kommt
Das ist vielleicht der interessanteste Unterschied zu Ende August.
Damals überraschte uns die Sonne teilweise mit ihrer Dynamik.
Heute stehen wir an einem anderen Punkt.
Kp 1. Schumann 5,7. Geomagnetisch ruhig.
Und gleichzeitig befindet sich mit CH179 bereits ein großes koronales Loch in einer Position, aus der sein schneller Sonnenwind in den kommenden Tagen Einfluss auf die Erde nehmen könnte. Daneben rotiert mit AR4524 eine Region weiter auf die sichtbare Sonnenscheibe, die bereits einen M3.0-Flare samt schnellem CME produziert hat.
Unsere neue Prognose ist deshalb bewusst überprüfbar:
Zwischen dem 4. und 7. September erwarte ich eher einen allmählichen Anstieg der Sonnenwind- und möglicherweise geomagnetischen Aktivität durch CH179 als einen plötzlichen schweren Sonnensturm. AR4524 bleibt das Überraschungspotenzial.
Vielleicht passiert fast nichts.
Vielleicht steigt Kp nur ein wenig.
Vielleicht koppelt der Sonnenwind stärker an das Erdmagnetfeld als erwartet.
Und vielleicht überrascht uns stattdessen AR4524.
Genau deshalb schauen wir jetzt hin.
Nicht erst, wenn wir bereits wissen, was passiert ist.
Beim nächsten Update vergleichen wir unsere heutige Prognose wieder mit der Realität: Kam der schnelle Sonnenwind? Wie hoch stieg Kp? Reagierten Tomsk und Cumiana gleichzeitig? Was machte AR4524? Und blieb das M6,3 bei Alaska seismisch ein Einzelereignis?
So entsteht aus einzelnen spektakulären Bildern langsam etwas wesentlich Wertvolleres: eine dokumentierte Beobachtungsreihe darüber, was tatsächlich gemeinsam auftritt – und was nur auf den ersten Blick zusammenzugehören scheint.
Die laufende offizielle Weltraumwetterlage kannst du beim SIDC – Solar Influences Data Analysis Center und beim NOAA Space Weather Prediction Center verfolgen. Die Erdbebendaten lassen sich im USGS Earthquake Hazards Program gegenprüfen.
